Live ist Live. Vom Reiz der echten Realität

Eventmarketing, Inszenierung, Markeninszenierung | 13. April 2017 | wilkenwerk

Seit über 20 Jahren konzipiert und inszeniert Stephan Schäfer-Mehdi erfolgreich Marketingevents. Sein Hintergrund aus der Kulturszene fließt immer wieder in ungewöhnliche Ideen ein. Unternehmen und Agenturen vertrauen auf seine Kreativität und Erfahrung. Jetzt hat er bei WILKENWERK angelegt und ergänzt das Konzeptteam des Kreativwerks. Er begeistert sich für Innovationen, setzt sich aber kritisch mit ihnen auseinander, um dann kommunikativ sinnvolle Anwendungen einzusetzen. Von reiner Effekthascherei rät er ab. Weshalb ihm contentlastige Events als Herausforderung eine große Freude bereiten. Aber er beherrscht auch die große Geste, was man an den von ihm inszenierten Fashion Shows für adidas und PUMA oder großen Medieninszenierungen für die Automobilindustrie ablesen kann.

Herzlich willkommen bei WILKENWERK! Wir freuen uns, dass Stephan uns zum Einstand einen Blogbeitrag mitgebracht hat. Aus Sicht des erfahrenen Eventexperten schreibt er über das heiß gehandelte Thema „Virtuelle Events“.

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Was bedeutet die digitale Transformation für unsere Branche?

Ich erinnere mich an die Euphorie vor der dot.com-Blase. Da wurde auch auf Branchenkongressen die Frage gestellt, wie schnell virtuelle Events die realen Erlebnisse ersetzen. Die Blase platzte und trotz der digitalen Innovationen hatten und haben die Leute Lust auf echte Begegnung. Das war so um 1999.
2007 beschäftigte ich mich intensiv mit den virtuellen Welten von Second Life, doch das war letztlich wieder nur eine Blase. Obwohl wir damals für einen Kunden echte Wertschöpfung betreiben konnten. Dann kam das Schlagwort Hybrid Events. Aber auch das war mehr ein Marketing-Gag.

Q110

Klar, Bots und Algorithmen werden auf die Kommunikation immer stärker Einfluss nehmen. Je mehr wir medialisiert, digitalisiert und virtualisiert werden, umso stärker ist das Bedürfnis nach echtem gemeinsamem Erlebnis. Kinos, Theater, Ausstellungen – sie alle waren schon zigfach totgesagt und immer noch gehen Menschen scharenweise hin. Die Transformation findet woanders statt, wenn ganze Szenografien aus dem 3D-Drucker kommen oder Siri das Teilnehmermanagement macht. Und wenn nicht nur die Shuttles und Trucks autonom fahren, dann werden sich auch die klassischen Automobilprodukteinführungen auf Messen oder Testdrives verändern müssen.

In einem Song aus den 80ern heißt es „Live is Life“.

Ja, „when we all give the power, we all give the best”. Ich empfehle da die eigenwillige Coverversion der Band Laibach, lange vor Rammstein (findet man auf YouTube). Mit Live-Kommunikation kann man einfach viel erreichen – weit mehr als die Information und Vermittlung von Botschaften. Lange Zeit waren „Emotionalisierung“ und „Erlebnisorientierung” die Buzzwörter in unserer Branche. Heute geht ein anderes Gespenst um, das Gespenst der Virtual Reality. Kunden, Agenturen, Kreative und Medien haben sich zu einer Allianz verbündet, um dieses Gespenst zu fassen. 80 Millionen Fundstellen gibt es für den Begriff „Virtual Reality“ allein laut Google. Kein Wunder, dass VR das neue Buzzword ist.

Doch digital angefixt?

Ich gehöre generationsmäßig nicht gerade zu den Digital Natives, aber Neuland ist das alles nicht. Das finden wir doch auch schon lange spannend, beschäftigen uns mit Augmented, Virtual und Mixed Reality. Ein Knackpunkt ist gar nicht die Technik, sondern das Storytelling. Mit Game Engines lassen sich zwar die faszinierendsten Welten erschaffen, in die man eintauchen kann wie Alice in die Welt hinter den Spiegeln. Doch was für millionenfach verkaufte Spiele äußerst effizient ist, entpuppt sich dann für eine Eventzielgruppe von 2.000 Gästen und einen einzelnen Event oft als unbezahlbar. Oder aber die Sparversionen schafft Frust statt Lust bei den Teilnehmern, weil das das Erlebnis an der heimischen Spielekonsole deutlich immersiver und intensiver ist, als das beim groß angekündigten Event.

Natürlich wird es in nächster Zeit immer mehr Events geben, auf denen die Teilnehmer VR-Brillen tragen und zeitgleich – „gemeinsam“ trifft es wohl nicht –Teil einer Geschichte werden. Heute sind es 200, morgen 500 und übermorgen 5.000? Aber das echte LIVE, ohne lästige Hilfsmittel und Kabel, hat nach wie vor seine Kraft und verliert sie nicht. Weshalb sogar die gute alte Illusion von Pepper’s Ghost immer noch Anwendung findet.

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Pepper’s Ghost?

Ein 150 Jahre alter optischer Rummelplatztrick, der immer weiter perfektioniert wurde. Der virtuelle Auftritt der Gorillaz bei den MTV Music Awards war die spektakuläre Wiedergeburt dieser 3D-Simulation.
Auch mit den klassischen szenischen Tools lassen sich Menschen immer wieder faszinieren. Das zeigt jede gute Operninszenierung. Was zum Beispiel bei den Bregenzer Festspielen sehr oft gelingt, obwohl Musik, Handlung und Protagonisten sich über ein oder mehrere Jahrhunderte nicht ändern.
Dazu gehört immer ein guter Raum – doch den sehen wir oft einfach anders als ein Bühnenbildner, denn wir machen das Publikum zu Teilnehmern. Die Bühne ist dann nicht nur zum Anschauen da, sondern der ganze Raum wird zur Bühne und zum Erlebnis.
Auch Teilnahme bedeutet im Zeitalter von Social Media natürlich mehr als nur Applaus.
Und die Didaktik bei Events wird spannend, wenn nicht nur Ergebnisse von der Bühne vorgebetet werden, sondern durch Design Thinking und Co-Creating Neues entsteht.

Und gibt es doch technische Trends?

Zukunftsträchtig sind technische Innovationen, die ein immersives und virtuelles 3D-Erlebnis ohne störende Brille ermöglichen – wenn man nicht isoliert, sondern miteinander im Kollektiv andere Welten erlebt. Diese Zukunft hat begonnen, wie man auf der Prolight + Sound sehen konnte. Denn nur wenn Menschen wirklich zusammenkommen, dann entsteht die besondere Kraft von Live.

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Stephan Schäfer-Mehdi