Wenn Licht zum Protagonisten wird – Interview mit Lichtdesigner Björn Hermann

| 19. November 2018 | wilkenwerk

Sie sind sein Markenzeichen, die choreografierten Lichtstrahlen, die sich durch Räume oder den Nachthimmel bewegen, sich treffen und Netze oder Raster bilden.  Physik scheint für ihn fast keine Grenzen zu haben. Der Lichtdesigner und Künstler Björn Hermann ist bei besonderen Anlässen gefragt. Neben Lichtgestaltung für Corporate Events, die meistens in geschlossenen Räumen stattfinden, ist er vor allem bei speziellen Open-Air-Zeremonien gemeinsam mit dem Künstlerkollektiv phase7 unter Leitung des Regisseurs Sven Sören Beyer sehr gefragt – zuletzt bei der Grand Openingshow des „National Kaohsiung Center for the Arts“ in Weiwuying, Taiwan oder dem H.C. Andersen Festival 2018 in Odense.

WW: Was ist der Unterschied für Dich zwischen einem klassischen Corporate Event und einem Public Event, wie zum 25. Tag der Deutsche Einheit, wo phase7 und Du in Frankfurt verbindende Lichtbrücken über den Main gelegt und am Brandenburger Tor Lichtstrahlen durch das Tor als Ost- und Westverbindung geschickt hast.

BH: Die kreative Freiheit ist deutlich größer. Bei Corporate Events haben viele Kunden schon sehr genaue Vorstellungen und ein bestimmtes Rollenverständnis. Da werde ich dann eher als Dienstleister gesehen und nicht als Künstler. Das spiegelt sich dann auch bei der Art und der Enge der Beauftragung wieder. Bei den freien Projekten drückt der Künstlervertrag die Freiheit auch juristisch aus. Diese größeren Spielräume ermöglichen oft eine ganz andere Kraft. Und ich bin viel früher involviert und kann auch wirklich beraten.

TdDE_2015_02Bild: © Manfred Vogel

WW: Du und phase7, Ihr habt ja zusammen schon die Taufen von drei Kreuzfahrtschiffen mit Licht inszeniert. Was macht die Faszination eines solchen Launches aus?

BH: 2010 war die erste Taufe. So ein Moment hat eine eigene Magie für die vielen Zuschauer. Ich sehe das als eine Einladungsgeste an die tausenden Besucher vor Ort und natürlich auch an die, die das Erlebnis nur medial erleben können.

Aber ich versuche immer etwas Neues zu schaffen, 2016 haben wir nicht nur das Schiff mit Lichtquellen versehen, sondern die AIDAprima auch vom Ufer aus angeleuchtet. Dazu wurden Lichttower an den Landungsbrücken installiert und das Schiff wirkte plötzlich ganz anders.

Es geht natürlich immer um große Bilder. Nehmen wir das jüngste Beispiel der Schiffstaufe der AIDAnova in Papenburg, da ging es mir darum die Sehnsucht der Menschen zum Reisen zu wecken, ich wollte das Glanzvolle und Brillante zeigen, sozusagen einen illuminierten Eifelturm auf dem Wasser. Aber der Star ist und bleibt das Schiff und ist nicht die Show.

WW: Du erzählst mit Licht ganze Geschichten. Wie funktioniert das?

BH: Durch die besondere Zusammenarbeit mit Regisseurinnen und Regisseuren habe ich viel gelernt. 2013 hatte ich die Gelegenheit ein Projekt an der deutschen Oper in Berlin zu realisieren, zusammen mit Sven Sören Beyer von phase7. Es war eine begehbare Oper, da war das Licht nicht im Vordergrund, es ging auch viel um Klang.

Bei den Lichtbrücken über den Main zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit hatten wir den Gedanken an Stelle der trennenden Mauer Licht als Medium einzusetzen, das Brücken schlägt und die zwei Uferseiten 25 mal verbindet. Eine ausgeklügelte Dramaturgie erzählte die Geschichte in fünf Akten.

Oder anlässlich der Fraunhofer Jahrestagung wurden 61 Scheinwerfer zu Orchestermusikern und Solisten. Das Konzept erforderte eine völlig neue Herangehensweise in puncto Kommunikation, Lichtgestaltung und Technik, und war eine punktgenaue Umsetzung des Mottos „Licht gestaltet“ des UNESCO-Jahrs des Lichts. Da war eine spanennde Zusammenarbeit mit Petra Lammers von onliveline.

 

Fraunhofer_Event_2015_001 ©Detlev KlockowBild: © Detlev Klockow

WW: Siehst Du Dich mehr als Designer oder als Künstler?

Ich passe nicht so ganz in eine Box. 1992 habe ich erstmals an einem Lichtpult gestanden. Auf meiner Homepage steht noch Lichtdesign, seither hat sich aber viel entwickelt bis hin zu Gesamtkonzeptionen. Mir kommt es gar nicht so sehr auf die Bezeichnung  an, sondern auf die Möglichkeiten, etwas Neues zu erschaffen.

WW: Welche Rolle spielt die Technik?

Natürlich spielt sie eine wesentliche Rolle. Es gibt immer mehr Innovationen in immer kürzeren Zeiträumen. Das gilt auch für das Licht. Aber so ergeben sich immer neue Spielräume. Und um mit Licht Wirkung zu erzielen und Geschichten zu erzählen, kommt es nicht unbedingt auf große Mengen oder hohe Budgets an, sondern auf die Botschaft. Das lernt man beim Theater.

WW: Was würdest Du mit Deiner Erfahrung einem Unternehmen raten, das etwas ganz Besonderes zu präsentieren hat, wie zum Beispiel einen neuen Firmensitz?

Bitte gebt nicht zu viel vor, sondern gebt uns auch künstlerische Freiheit, Dinge zu entwickeln. Da ist YouTube schon eine Last, wenn man mit vier, fünf Videos  konfrontiert wird, was sich der Auftraggeber so vorstellt. Es ist dann sehr schwer wieder einen Schritt zurück zu gehen und diese Bilder erst mal zu vergessen. Es geht erst mal um das Vertrauen in den Künstler, um dann etwas wirklich Einmaliges zu schaffen.

Dass sich das lohnt, sieht man an den beeindruckenden  Lichtinszenierungen, die entstehen, ob in den verschneiten Kristallwelten von Swarovski oder aber am Brandenburger Tor.